Werbung

Werbung

B-Plan „Gewerbegebiet Nord IV“: Rat beschließt zweite Auslegung

Sittensen. In der Gemeinde Sittensen ist auf derzeit überwiegend landwirtschaftlich genutzten Flächen die Erweiterung von bereits bestehenden Gewerbegebieten geplant. Das Erweiterungsgebiet „Gewerbegebiet Nord IV“ schließt nördlich der Autobahn A1 direkt an das bestehende Gewerbegebiet Nord III an der Karl-Benz-Straße und Kreisstraße K 139 (Nütteler Weg) an. Die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung ist im Rahmen der Bauleitplanung auf den Weg gebracht worden.

Das Plangebiet setzt sich aus vier Teilgeltungsbereichen zusammen und hat eine Gesamtgröße von etwa 14,5 Hektar. Davon entfallen 8,95 Hektar auf das Gewerbegebiet, 2,55 Hektar auf Flächen für Schutzmaßnahmen, 1,90 Hektar auf Straßenverkehrsflächen und der verbleibende Anteil auf Flächen für Ver- und Entsorgung, Landwirtschaft und eine private Grünfläche.

Für die Umsetzung des Vorhabens bedarf es der Aufstellung eines Bebauungsplans und einer Änderung des Flächennutzungsplans. Die Planungen verlaufen im Parallelverfahren. Mittlerweile befasst sich die Gemeinde damit seit über 20 Jahren.

In der vergangenen Sitzung des Bauausschusses hatten Mona Borutta und Max Tischendorf vom Planungsbüro ELBBERG aus Hamburg den aktuellen Planentwurf und die Themen der Stellungnahmen vorgestellt. Mehrheitlich hatte das Gremium den Beschluss zur formellen Beteiligung empfohlen. Der Gemeinderat hat nun bei zwei Gegenstimmen – Ingo Hillert und Jürgen Sausmikat – ebenfalls dem Entwurf des Bebauungsplanes zugestimmt und die Durchführung der zweiten Beteiligung der Öffentlichkeit sowie der Behörden und sonstigen Träger öffentlicher Belange beschlossen.

Dem vorausgegangen ist erneut eine kontroverse Debatte, ausgehend von den Kritikern des Vorhabens, Hillert und Sausmikat.

Bei den Anwohnenden des Nütteler Weges ist die Sorge über eine vermehrte Belastungen ebenfalls groß. Eingangs der Sitzung hatten sie zwei Eingaben abgegeben, die dem Rat zur Kenntnis gegeben wurden und nun im Zuge der Öffentlichkeitsbeteiligung eingereicht werden. Da das neue Gewerbegebiet an die vorhandene Bebauung heranrückt, bitten die Anwohnenden darum, diesen kritischen Punkt besonders zu beachten.

Info-Veranstaltung für Anwohnende

Am 7. September wird eine Info-Veranstaltung für sie stattfinden, an der auch die Planer teilnehmen. Damit wird die Möglichkeit für konkrete Fragenstellungen und detaillierte Informationen geschaffen.

Im Bebauungsplan werden Festsetzungen zum Schutz vor Gewerbe‐ und Verkehrslärm getroffen. Dazu sollen besondere Maßnahmen umgesetzt werden. Mit der Errichtung eines Kreisverkehrs am Nütteler Weg, dem Bau einer Planstraße sowie der Schaffung eines weiteren Kreisverkehrs an der Karl‐Benz‐Straße soll sich der Verkehr in die bestehenden und neu geplanten Gewerbegebiete vom Nütteler Weg wegverlagern und so überwiegend zu einer geringeren Lärmbelastung der Anwohner führen.

Sausmikat fordert trotzdem „mehr Rücksichtnahme“ und regte die Berechnung der Lärmpegel auf Grundlage allgemeiner Wohngebiete an. Laut des Schallgutachtens wird sich lediglich an einem der vier stichprobenartig gewählten Immissionsorte der Schallleistungspegel um 0,4 dB(A) erhöhen, während bei den restlichen drei Immissionsorten eine Verringerung um bis zu 1,7 dB(A) prognostiziert wurde. Um die Auswirkungen auf die Lebens‐ und Wohnqualität der Anwohnenden am Nütteler Weg, das als Mischgebiet gilt, zu reduzieren, sind staub‐ und geruchsintensive Betriebe unzulässig.

Sausmikat monierte ebenso das Fehlen schriftlicher Nachweise für den Bedarf dieser Gewerbeflächen: „Aus ökomischen Gesichtspunkten halte ich es für schwierig, auf dem Markt zu bestehen.“ Darüber hinaus hält er die Entwässerungssituation aus dem zusätzlichen Gewerbegebiet nicht für ausreichend beleuchtet.

Ingo Hillert wählte drastische Worte: „Aus ökonomischer Sicht ist das Vorhaben eine Vollkatastrophe, dem ich daher nicht zustimmen werde. Als Gewerbegebiet sind die Flächen völlig ungeeignet.“ Damit bezog er sich auf die in dem Gebiet liegen Feuchtbiotope „von hoher Bedeutung“, in denen permanent Wasser stehe. „Das wird eine große Herausforderung, diese trockenzulegen. Das wird deutlich teurer als auf einem trockenen Acker.“

Bauamtsleiter Jörg Schmidtchen erklärte: „Das bestehende Regenrückhaltebecken am Verkehrsknotenpunkt Karl‐Benz‐Straße/Hansestraße wird aufgehoben. Bislang wurde dort das anfallende Niederschlagswasser aus den angrenzenden Gewerbegebieten eingeleitet. Zukünftig wird das anfallende Niederschlagswasser in das bestehende Regenrückhaltebecken westlich der August‐Otto‐Straße geleitet, das entsprechend vergrößert wird.“

Ein naturnahes Stillgewässer soll ebenfalls angelegt werden. Dort sollen ein Ersatzbiotop für das entfallende Regenrückhaltebecken an der Karl‐Benz‐Straße sowie eine 2500 Quadratmeter große, naturnahe Retentionsfläche entstehen. Geplant ist der Bau eines befestigten Absatzbeckens mit Ölsperre und Sandfang. Von dort aus kann das Wasser mittels eines Überlaufs in das neue Stillgewässer fließen.

Durch die neuen Gewerbegebietsflächen werden geschützte Biotope entfallen. Eine Baum‐Wallhecke, die das Plangebiet untergliedert und von West nach Ost durchkreuzt, bleibt überwiegend erhalten. Ebenfalls erhalten bleiben die geschützten Biotope entlang der K 139.

Es sind Ausgleichsflächen im Plangebiet von rund 2,5 Hektar vorgesehen. Externe Kompensationsflächen sollen über ein Ökokonto in den Gemarkungen Tiste und Kalbe entstehen.

Alfred Flacke zeigte sich verwundert, dass die Kritikpunkte der beiden Ratsherren nicht bereits den Planern im Bauausschuss vorgebracht wurden. „Es liegt eine über 200 Seiten umfassende Vorlage mit umfangreichen Gutachten des Planungsbüros vor. Demnach sind die Flächen geeignet. Die Bewertung ist nach bestem Wissen und Gewissen erfolgt. Wir haben in Sittensen mit diesem Gewerbegebiet die letzte Möglichkeit, Gewerbe auszuweisen. Das bedeutet Arbeitsplätze vor Ort und Steuereinnahmen. Das Gebiet liegt mit der Autobahnnähe extrem günstig. Im Übrigen bringt die Autobahn deutlich mehr Lärm. Die geplante Verkehrsentzerrung ist für den Ort sehr gut gelöst.“ 

Auch Bürgermeister Diedrich Höyns machte deutlich, dass es das Ziel sei, mit dieser gewerblichen Entwicklung etwas für die Zukunft Sittensens zu tun. „Ein gewisses Risiko gibt es bei jeder Ausweisung. Wir können aber nicht immer nur sagen was nicht geht, sondern müssen auch Dinge ermöglichen.“

Klaus Huhn war verärgert: „Kurz vor der Wahl drückt ihr jetzt auf die Tränendrüse. Seit Jahrzehnten beschäftigen wir uns mit der Planung. Bislang sind da keine Einwände gekommen. Das ist so nicht in Ordnung.“

Thomas Miesner relativierte: „Bedenken sind von allen Seiten angebracht. Der Umweltgedanke ist richtig, muss berücksichtigt werden und kommt ja auch in die Abwägung. Die Ausweisung von Ausgleichsflächen ist gesetzlich geregelt. Der Plan ist alt, und wir müssen damit weiterkommen. Das finanzielle und wirtschaftliche Risiko ist viel geringer als nichts zu machen. Ich möchte nicht nach zehn Jahren sagen müssen, uns fehlen Gewerbeeinnahmen.“

Der Beschluss für die erneute Auslegung erging denn auch mehrheitlich. (hm) Skizze Plangebiet: LGLN

Werbung

Nach oben scrollen