Sittensen. Ein Zeichen des Gedenkens, der Erinnerung und der historischen Verantwortung: Das soll eine „Geschichts- und Erinnerungstafel“ sein, die von der Geschichtsklasse 11b der Ostetalschule KGS Sittensen erarbeitet und an der Kriegsgräberstätte in Sittensen aufgestellt worden ist. Entstanden ist die Tafel im Rahmen eines Projekts zur Kriegsgräberstätte auf dem Sittenser Friedhof in Zusammenarbeit mit der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Sittensen und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Die feierliche Einweihung hat gestern am bundesweiten Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus stattgefunden.
Dass bewusst dieser Tag dafür gewählt worden ist, fand in den Redebeiträgen übereinstimmend viel Lob. Die Geschichts- und Erinnerungstafel ist das Ergebnis eines 2025 durchgeführten Projekts der damaligen Klasse 11b im Fach Geschichte. Finanziell unterstützt worden ist das Projekt von der Stiftung der Sparkasse Rotenburg-Osterholz, auch der Heimatverein der Börde Sittensen hat die Recherchearbeit der Schülerinnen und Schüler mit ihrem Lehrer Niklas Klöfkorn unterstützt.
Pastor Sven Kahrs von der Kirchengemeinde freute sich über den großen Kreis der Gäste, die der Einladung gefolgt waren. Nach seinen einleitenden Worten sprach Karl-Friedrich Boese, Bildungsreferent des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge für den Bezirk Lüneburg-Stade. Er schickte ein ausdrückliches Lob an die Schülerinnen und Schüler, dass sie Verantwortung übernommen haben und den hier Bestatteten ein würdiges Andenken geben. „Auch in der Provinz gab es Krieg und wurde gemordet. Für die junge Generation ist es lange zurückliegende Vergangenheit. Und trotzdem haben sie sich intensiv damit auseinandergesetzt. Die Erinnerung an Krieg und Gewaltherrschaft muss wachgehalten werden. Frieden und Freiheit sind nicht selbstverständlich und ein wertvolles Gut“, mahnte Ehresmann.
Umfangreiche Recherchearbeiten
Die Sprecher der Schulklasse berichteten von sehr umfangreichen Recherchearbeiten, die ergreifende Geschichten hervorgebracht hätten. Gespräche mit Zeitzeugen waren denn auch zentraler Bestandteil des Projektes: „Wir haben dadurch wichtige Erkenntnisse gewinnen können. Es ging zum Teil sehr emotional dabei zu. Die Geschichten waren bedrückend und werden und uns noch lange beschäftigen“, bekannten die beiden Sprecher. Sie ließen auch die sehr gute Zusammenarbeit mit dem Heimatverein und dem Volksbund sowie weiterer Beteiligten nicht unerwähnt.
14 Identitäten Stimme wiedergeben
Auf der Kriegsgräberanlage auf dem Sittenser Friedhof ruhen 14 Tote aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, die überwiegend als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene in der Samtgemeinde Sittensen eingesetzt wurden. Unter ihnen sind auch drei Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Laut der offiziellen Gräberliste stammten vier der Bestatteten aus Polen, zwei aus Russland, eine Person aus Jugoslawien und vier aus der UdSSR. „Diesen 14 Identitäten möchten wir ihre Stimme wiedergeben. Die schlimmen Taten dürfen nicht vergessen werden und im Verborgenen bleiben. Die Erinnerungskultur muss am Leben erhalten werden. Uns liegt es am Herzen, für einen besseren Zugang und mehr Verständnis zu sorgen“, stellten die beiden Schüler heraus. Die Schulklasse stellte an jeder Grabstelle eine Grablicht auf, im Anschluss gedachten die Anwesenden mit einer Gedenkminute den Toten.
Unter den Gästen waren auch der Leiter der Gedenkstätte Lager Sandbostel, Andreas Ehresmann sowie der stellvertretende Landrat Hans-Jürgen Krahn und Samtgemeindebürgermeister Jörn Keller.
Krahn war auch schon bei der Einweihung des Themenparks für Menschenrechte im Dionysius-Park in Sittensen mit dabei. Die Erinnerungstafel bezeichnete er als weiteren Baustein für ein starkes Zeichen, „dass Geschichte hier gelebt wird. Geschichte ist immer menschlich und hat Namen und Schicksale. Geschichte hört nicht auf und darf sich nicht wiederholen. Darum ist Erinnern daran so wertvoll. Für die Zukunft der jungen Generation muss Verantwortung übernommen werden“, betonte er.
Jörn Keller richtete seinen ausdrücklichen Dank an alle Beteiligten des Projektes. „Das zeigt, was eine gute Zusammenarbeit möglich machen kann. Hier ist etwas Wertvolles für alle Menschen geschaffen worden. Es ist auch ein Hinweis für uns, was jeden Tag passieren kann, wenn man Hass freien Lauf lässt.“ Die Nationalsozialisten seien damals legal gewählt worden. „Das darf nicht nochmal passieren. Jeder trägt Verantwortung. Wir sind alle gefragt, etwas daraus zu machen, dass wir in Frieden und Freiheit leben. Wir haben alle eine Stimme, vor allem im Wahljahr“, so sein Appell.
An anderer Stelle auf dem Sittenser Friedhof befinden sich noch drei weitere Kriegsgräber von zwei deutschen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg und einem deutschen Flüchtlingskind aus dem Zweiten Weltkrieg. Dort gibt es noch weitere Grab- und Erinnerungssteine von Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges. (hm) Fotos Meyer