Sittensen. Der Heimatverein der Börde Sittensen hatte jetzt zu einem öffentlichen Vortrag in das Heimathaus Sittensen eingeladen. Referent war der Historiker Dr. Henning Müller, stellvertretender Leiter des Kreisarchivs und ausgewiesener Experte für die völkische Bewegung. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher verfolgten die detaillierten Ausführungen mit großem Interesse.
Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Frage, wie rechtsgerichtete Organisationen und insbesondere die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) im Elbe-Weser-Raum während der Weimarer Republik innerhalb weniger Jahre erheblichen Zulauf gewinnen konnten – auch in Sittensen und im Landkreis. Grundlage der Ausführungen waren Müllers langjährige Forschungen zum Aufstieg des Nationalsozialismus in der Region von 1918 bis 1933, die er in einem Buch zusammengefasst hat, das am Abend ebenfalls erhältlich war.
Einen Schwerpunkt legte Müller auch auf die intensive und kontinuierliche Parteiarbeit der Nationalsozialisten. Anders als viele bürgerliche Parteien, die vor allem in den Wochen vor Wahlen um Stimmen warben, organisierte die NSDAP nahezu in jedem Dorf regelmäßig Partei- und Werbeveranstaltungen – Woche für Woche. Diese dauerhafte Präsenz habe maßgeblich dazu beigetragen, stabile Netzwerke aufzubauen und Anhängerschaft zu festigen.
Zudem habe sich die Propaganda gezielt an große Wählergruppen wie Arbeiter und Bauern gerichtet. Mit klar zugespitzten Botschaften und einer straffen Organisation sei es der Partei gelungen, gesellschaftliche Unzufriedenheit und wirtschaftliche Krisenerfahrungen politisch zu kanalisieren. Die politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen der Weimarer Republik wirkten dabei als entscheidender Nährboden für Radikalisierung und Vertrauensverlust gegenüber etablierten Parteien. Besonders aufmerksam verfolgten die Zuhörerinnen und Zuhörer unter anderem auch Müllers Bericht über den großen Einfluss einzelner Pastoren, denen es durch ihre Predigten von der Kanzel und in Vorträgen, auch in Sittensen, gelang die Anzahl der NSDAP-Wähler drastisch zu erhöhen. Ebenso interessant war auch der Bericht über eine wohlhabende Frau aus Buxtehude, die bereits früh der Partei beitrat, Adolf Hitler persönlich kannte und ihm ihr Haus auf dem Obersalzberg zunächst vermietete und später verkaufte. Dieses Beispiel verdeutlichte eindrucksvoll, dass die Unterstützung für die Nationalsozialisten keineswegs nur aus wirtschaftlich prekären Milieus kam.
Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Fragerunde. Dabei wurden unter anderem Fragen zu Georg Weidenhöfer, damals Pächter in Burgsittensen sowie zu weiteren lokalen Entwicklungen erörtert. Müller konnte zahlreiche Hintergründe erläutern und historische Zusammenhänge einordnen.
Fazit der Veranstalter: „Die Veranstaltung hat deutlich gemacht, dass der Erfolg der Nationalsozialisten kein plötzlicher Umbruch war, sondern das Ergebnis langfristiger regionaler Entwicklungen, lokaler Netzwerke und übergreifender Krisenprozesse. Mit seinen fundierten Recherchen und differenzierten Einordnungen hat Dr. Henning Müller zu einem erkenntnisreichen und gelungenen Abend regionaler Zeitgeschichte beigetragen.“